Geschichte der Burschenschaft und Studentengeschichte

Willkommen

Wir trauern um Prof. Dr. Dr. Harald Lönnecker (28.7.1963–6.7.2022)

Harald Lönnecker

Am 6. Juli verstarb überraschend Prof. Dr. Dr. Harald Lönnecker, der langjährige Archivar der Deutschen Burschenschaften und Nestor der burschenschaftlichen Geschichtsforschung. Mit ihm verlieren wir einen der, wenn nicht sogar den profundesten Studentenhistoriker der Gegenwart.

Lönnecker war ein Universalgelehrter im besten Sinne. Nach dem Abitur studierte er Geschichte, Rechtswissenschaft, Evangelische Theologie, Geographie, Europäische Ethnologie, Lateinische Philologie, Musikwissenschaft und Germanistik in Marburg, Gießen, Heidelberg, Freiburg im Breisgau und Frankfurt am Main. Mit einer Arbeit über das spätmittelalterliche Notariat in Hessen wurde er 1989 zum Dr. phil. promoviert.

Seit 1995 als Leiter des Archivs der deutschen Burschenschaften in Koblenz tätig, setzte unter seiner Ägide eine äußerst umfang- und ertragreiche Forschungs- und Publikationstätigkeit ein, wobei ihm auch sehr an der Nachwuchsgewinnung gelegen war. Sein Interesse galt jedoch nicht nur der burschenschaftlichen Geschichtsschreibung – 1992 entdeckte er das bis dahin verschollen geglaubte Archiv der Deutschen Sängerschaft wieder, deren Geschichte er in einer mehrbändigen Monographie aufarbeitete. Der erste Band war zugleich seine Habilitationsschrift. In Anerkennung seiner Verdienste verlieh ihm die Sängerschaft Normannia Danzig 2013 das Ehrenband.

Im selben Jahr promovierte er mit einer Dissertation über die juristischen Zusammenschlüsse im Kaiserreich zum Dr. jur. Im Jahr 2021 erfolgte die mehr als überfällige Ernennung zum außerplanmäßigen Professor, wenige Monate später erhielt er zudem das Ehrenband der Deutschen Burschenschaft. Seit seiner Studienzeit war Lönnecker außerdem Mitglied der Burschenschaften Normannia Leipzig zu Marburg, Normannia Leipzig sowie Germania Kassel. Die Burschenschaft Ghibellinia Prag zu Saarbrücken, deren Bundesgeschichte er verfasste, verlieh ihm 2010 ihr Ehrenband.

Für die Burschenschaften und die burschenschaftliche Historiographie war der Polyhistor Prof. Dr. Dr. Harald Lönnecker ein einmaliger und unersetzlicher Glücksfall. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren und in seinem Sinne unsere Arbeit fortsetzen.

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Ein Portal für die Geschichte der Burschenschaft

Die im Jahre 1815 gegründete Burschenschaft war die Avantgarde der deutschen Nationalbewegung. Sie wurzelte in den Freiheitskriegen, stand unter dem Einfluß von Friedrich Ludwig Jahn, Ernst Moritz Arndt und Johann Gottlieb Fichte, war geprägt durch eine idealistische Volkstumslehre, christliche Erweckung und patriotische Freiheitsliebe. Diese antinapoleonische Nationalbewegung deutscher Studenten war seit ihren Anfängen politische Jugendbewegung und die erste gesamtnationale Organisation überhaupt, die 1817 mit dem Wartburgfest die erste überregionale und gesamtdeutsche Feier ausrichtete und mit rund 3.000 Mitgliedern 1818/19 etwa ein Drittel der Studentenschaft des Deutschen Bundes umfasste.

Die Burschenschaft, zu einem Gutteil hervorgegangen aus dem Lützowschen Freikorps, setzte ihr nationales Engagement in neue soziale Lebensformen um, die das Studentenleben von Grund auf reformierten. Aber nicht nur das: Die Studenten begriffen die Freiheitskriege gegen Napoleon als einen Zusammenhang von innerer Reform, innenpolitischem Freiheitsprogramm und Sieg über die Fremdherrschaft. Nationale Einheit und Freiheit wurden propagiert, Mannhaftigkeit und Kampfbereitschaft für das deutsche Vaterland. Und das weit über die Zeit des Vormärz hinaus.

Diese neue Entwicklung ist eingebettet in die allgemeine Universitäts- und Studentengeschichte. Studenten sind eine juristisch, kulturell und gesellschaftlich relativ geschlossene Gruppe. Denn den deutschen Studenten zeichnen mehrere Faktoren aus: Zunächst ist das Studententum ein zeitlich begrenzter Zustand junger Erwachsener, die ein ausgeprägtes, studentische Traditionen weitergebendes Gruppenbewusstsein aufweisen und daher wenig soziale Kontakte zu anderen Schichten pflegen. Studenten sind familiärer Sorgen weitgehend ledig, aufgrund des deutschen, wissenschaftlichen und nicht erzieherischen Studiensystems in ihrem Tun und Lassen ausgesprochen unabhängig und wegen ihrer vorrangig geistigen Beschäftigung wenig auf vorhandene Denkmodelle fixiert. Besonderen Nachdruck verleihen studentischem Engagement die berufliche, soziale und finanzielle Ungewissheit, der instabile Sozialstatus: Studenten sind noch nicht gesellschaftlich integriert und stehen daher auch Kompromissen weitgehend ablehnend gegenüber.

In ihren politischen Ideen und Idealen neigen Studenten deshalb zum Rigorismus. Zudem: Bis weit in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein begriffen die Gesellschaft wie die Studenten sich selbst als Elite, die als Akademiker die führenden Positionen des öffentlichen Lebens einnehmen würden, woraus letztlich „das für eine Avantgarderolle unerlässliche Selbstbewusstsein“ entstand. Damit einher ging eine anhaltende Überschätzung der eigenen Rolle, aber auch eine „Seismographenfunktion gesellschaftlicher Veränderungen“, wie der Münchner Historiker Thomas Nipperdey feststellte. Mehr noch, studentische Verbindungen hatten für die politische Kultur Deutschlands von jeher eine Leitfunktion, spiegeln die Vielgestaltigkeit des gesellschaftlichen Lebens und sind mit den Problemen der einzelnen politisch-gesellschaftlichen Kräfte und Gruppen verzahnt.

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Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung

Zur Erforschung dieser Zusammenhänge entstand in den Jahren 1908/09 die Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung e.V. (GfbG). Aufgrund der Zusammenarbeit von GfbG, Archiv und der Bücherei der Deutschen Burschenschaften sowie zahlreichen Historikern und Autoren können Sie auf dieser Internetseite umfangreiche Dokumente, Bilder und Publikationen zur Geschichte der Burschenschaft abrufen.

pdf Verzeichnis der Universitäts- und Hochschularchive in Deutschland, Österreich und in der Schweiz
von Harald Lönnecker, Koblenz, 2012
PDF-Dokument
pdf Archiv und Bücherei im Bundesarchiv Koblenz (Bestand DB 9)
von Harald Lönnecker, Koblenz, 2015
PDF-Dokument
pdf Die „Burgkeller-Bibliothek“ oder „Progreßbibliothek“ der Burschenschaft Arminia auf dem Burgkeller-Jena im Bundesarchiv Koblenz, Bestd. DB 9
von Peter Kaupp und Harald Lönnecker, Frankfurt am Main, 2002
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